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Salonica

Vor etwa zwei Jahren wollte ich mir den Film im Kino ansehen, doch dann war er schon wieder weg. Doch jetzt, wo SF1 den Streifen ausgestrahlt hat, hatte ich zum Glück die Hand am Drücker und ihn mir aufgenommen. Eine Offenbarung.

Salonica ist ein Dokumentarfilm von Paolo Poloni, einem in Luzern geborenen Schweizer Filmemacher. Der Titel verweist auf den alten Namen der heute griechischen Stadt Thessaloniki, und in persönlichen Porträts, wo verschiedene Menschen in und aus Saloniki von sich selber und ihren Familien erzählen, erwacht die genauso einzigartige wie auch weitgehend unbekannte Vergangenheit der Stadt wieder zum Leben.

An diesem Ort in Nordgriechenland kommt die Geschichte Europas zusammen, von vorchristlichen Zeiten Alexanders des Grossen zur jüdischen Diaspora um den Mittelmeerraum, der erneuten Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 (ja, dasselbe Jahr, wo Spanien auch die neue Welt entdeckte) bis hin zum Osmanischen Reich und dessen Untergang im 1. Weltkrieg, und dem griechischen Holocaust unter der Deutschen Besatzung Griechenlands im 2. Weltkrieg.

Doch weit davon entfernt, ein altbackener Schulfilm über dieselben Themen zu sein, die man schon bis hier oben hat, bringt dieser Film eine bisher praktisch unbekannte Dimension ein: die des “Jerusalem des Balkans.” Salonica erlebte während rund 450 Jahren unter osmanischer Herrschaft eine Blütezeit und war Heimat für die grösstenteils jüdische Bevölkerung, deren Vorfahren aus Spanien geflohen waren. Judeospanisch (Ladino) war die Sprache des Alltags und der Zeitungen, und zum ersten Mal lebten Juden in allen Bevölkerungsschichten und Berufszweigen der Stadt und bildeten ein funktionsfähiges und prosperierendes Gemeindewesen, anstatt in den ihnen überlassenen oder zugewiesenen Nischen zu agieren, wie im Rest Europas.

Ein grossartiger, feinfühliger und persönlicher Film darüber, was in unser Verständnis von europäischer Geschichte kaum so richtig reinpassen will. Und es ist erfrischend, wie eine jüdisch-spanische Identität im Griechenland unter osmanischer Herrschaft mit unseren bornierten Vorstellungen von monolithischer Identität spielt.

Wer ihn weder auf DVD noch im TV erwischt, kann ihn hier angucken.
(Das Videoportal ist wirklich der Hammer.)

Mehr:

http://www.salonica.ch

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Über die Erfindung des jüdischen “Volkes”

In der August-Ausgabe des Le Monde Diplomatique schrieb Shlomo Sand, Geschichtsprofessor an der Uni Tel Aviv, über den Ursprung des jüdischen Volkes. Oder besser gesagt, eben darüber, dass es diese lange, zusammenhängende Geschichte eines zerstreuten Volkes, die von den Zeiten der heiligen Schrift bis heute andauert, so nicht gegeben hat.

Ein Augenöffner.

Einige Auszüge aus dem Artikel:

Unberührt lag Palästina da und wartete auf sein ursprüngliches Volk, auf dass es das Land wieder zum Erblühen brächte. Denn es gehörte ihm, nicht dieser geschichtslosen Minderheit, die der Zufall dorthin verschlagen hatte. Gerecht waren also die Kriege, die das verstreute Volk führte, um sein Land wieder in Besitz zu nehmen; und kriminell war der gewalttätige Widerstand der ansässigen Bevölkerung.

[…]

In den 1980er-Jahren erschütterte ein Erdbeben die Gründungsmythen: Nach neueren archäologischen Erkenntnissen kann im 13. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung gar kein großer Exodus stattgefunden haben. Auch konnte Moses die Hebräer nicht aus Ägypten heraus- und ins “gelobte Land” führen – einfach weil dieses sich damals in den Händen der Ägypter befand. Darüber hinaus findet sich nirgends ein Hinweis auf einen Sklavenaufstand im Reich der Pharaonen noch auf eine rasche Eroberung des Landes Kanaan durch irgendwelche Eindringlinge.

[…]

Vom prachtvollen Königreich Davids und Salomos gibt es keine Überreste. Die Entdeckungen des vergangenen Jahrzehnts zeigen, dass damals zwei kleine Reiche existierten: das mächtigere Israel im Norden und der Zwergstaat Judäa im Süden. Dessen Bewohner, die Judäer, wurden jedoch nicht im sechsten vorchristlichen Jahrhundert vertrieben: Nur die geistigen und politischen Eliten mussten sich in Babylon niederlassen, wo sie die persischen Kulte kennenlernten – und aus dieser folgenreichen Begegnung entwickelte sich der jüdische Monotheismus.

[…]

Eine Minderheit unter den Judäern konvertierte im vierten Jahrhundert zum Christentum. Und nach der arabischen Eroberung im siebten Jahrhundert schloss sich die Mehrheit dem Islam an. Das war den meisten zionistischen Denkern durchaus bekannt: Noch 1929, im Jahr des großen Palästinenseraufstands, schreiben darüber Jitzchak Ben Zwi, der 1952 nach Ezer Weizmans Tod Israels zweiter Präsident wurde, und Staatsgründer David Ben Gurion. Beide erwähnen mehrfach, dass die in Palästina ansässigen Bauern die Nachfahren der Bewohner des antiken Judäa seien.

[…]

Woher kommen also die zahlreichen seit der Antike rund um das Mittelmeer ansässigen Juden, wenn es keine Deportation aus dem römisch besetzten Palästina gab? Hinter dem Vorhang der nationalen Geschichtsschreibung verbirgt sich eine erstaunliche historische Realität: Vom Makkabäeraufstand im zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung bis zum Bar-Kochba-Aufstand von 132 bis 135 n. Chr. war das Judentum die erste Bekehrungsreligion.

[…]

Bis in die 1960er-Jahre hinein tauchen diese Fakten noch in der zionistischen Geschichtsschreibung auf. Später werden sie zunehmend an den Rand gedrängt und verschwinden schließlich ganz aus dem öffentlichen Bewusstsein Israels: Im Jahr 1967 konnten die Eroberer der Stadt Davids natürlich nichts anderes sein als direkte Nachfahren seines mythischen Königreichs und nicht etwa, Gott bewahre, die Abkömmlinge von Berberkriegern oder chasarischen Reitern. Seitdem gelten die Juden als ein spezifisches ethnos, das nach zweitausend Jahren Exil und Wanderschaft endlich in seine Hauptstadt Jerusalem zurückgekehrt ist.

[…]

Das eigentliche Problem ist, dass diese Geschichtsauffassung die Grundlage der Identitätspolitik des Staates Israel bildet: Aus dieser ethnozentristischen Definition des Judentums erfolgt die strikte Abgrenzung von Nichtjuden – von Arabern ebenso wie von russischen Zuwanderern und Arbeitsmigranten.

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