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Basler Zeitung: Ohne uns

Zu gut, um es in den neuen Schlagzeilen untergehen zu lassen… und weil die Baz selber bisher nicht darüber berichtet…

Vizechefredaktor verlässt seinen Posten neben Markus Somm, die Redaktion drischt auf ihren Chefredaktor ein, und dem anfangs mit Fanfaren empfangenen Heilsbringer Moritz Suter gehen langsam aber sicher die Vorschusslorbeeren aus. Das muss wehtun. Vor allem weil wohl die Operation “Eine neue Gallionsfigur gegen den Abo- und Werbeschwund” durchsichtig wird, und wenn, wie immer, die besten RedaktorInnen zuerst neue Stellen woanders gefunden haben, die Basler Zeitung in punkto differenziertem Journalismus bald von “20 Minuten” überrundet wird.

Wenn Suter nicht nur seinem anonymen Investoren verpflichtet ist, sondern in der BaZ wirklich etwas zu sagen hat, ist es an der Zeit, dass er einen Personalentscheid fällt. Entweder der Chefredaktor oder der Grossteil der Redaktion…

Aus der NZZ

Vizechef der «Basler Zeitung» hat genug
Unmut über Chefredaktor Somm steigt
Urs Buess, der stellvertretende Chefredaktor der «Basler Zeitung», tritt ab. Der Unmut über den rechtskonservativen Chefredaktor Somm steigt.

Francesco Benini

Der Abgang von Urs Buess, dem stellvertretenden Chefredaktor der «Basler Zeitung», soll in der kommenden Woche bekanntgegeben werden. Buess wollte auf Anfrage keinerlei Auskünfte geben. Auf der Redaktion des Blatts hat sich herumgesprochen, dass Buess seine Kündigung einreichen wird. Er wolle nicht länger mit Chefredaktor Markus Somm zusammenarbeiten.

Für die «Basler Zeitung» ist der Abgang ein herber Schlag. Buess kommt im Unterschied zu Somm aus der Region Basel, und er wurde von Verleger Moritz Suter verschiedentlich als Gegengewicht zu Somm gepriesen, als ein Garant für eine gewisse politische Ausgewogenheit. Somm ist seit seiner Zeit bei der «Weltwoche» auf SVP-Linie, Buess vertritt linksliberale Ansichten.

Ein Journalist der «Basler Zeitung» erklärt, Buess habe auf der Redaktion integrativ gewirkt; er habe ein sicheres Gespür im Umgang mit Menschen. Sein Abgang sei ein «Riesenverlust». Vor seinem Engagement bei der «Basler Zeitung» war Urs Buess unter anderem Inlandchef des Zürcher «Tages-Anzeigers» gewesen.

Am Montag gab es in Basel eine längere Aussprache zwischen der Redaktion und Chefredaktor Somm; auch zugegen war Verleger Moritz Suter. Die Diskussion nahm – je nach Auskunftsperson – einen «sehr negativen», «niederschmetternden» oder «katastrophalen» Verlauf. Chefredaktor Somm hielt den Journalisten offenbar vor, sie seien zu links, dächten zu wenig bürgerlich; die Redaktoren kritisierten im Gegenzug seinen Führungsstil. «In der über eineinhalbstündigen Aussprache gab es nicht eine einzige positive Wortmeldung zum Chefredaktor. Das muss man sich einmal vorstellen», sagt ein Journalist. Somm habe den Rückhalt der Redaktion fast vollständig verloren. Mehr als die Hälfte der Journalisten sei nun auf Stellensuche.

Vernichtend fallen auch die Kommentare über den Auftritt Moritz Suters aus. «Seine Sprüche, wonach wir alle am selben Strick ziehen müssten, können wir nicht mehr hören. Sie sind nur noch peinlich», meint ein Journalist. Suter brauche vor der Redaktion nicht länger den jovialen, fürsorgenden Patron zu geben, denn niemand nehme ihn noch ernst in dieser Rolle.

Laut der übereinstimmenden Aussage mehrerer Redaktoren wirkt der Flugunternehmer Moritz Suter als Verleger «fremdgesteuert». Er weigert sich bekanntzugeben, wer ihm das Geld für den Kauf der Basler Zeitung Medien gegeben hat. Suter hat, wie er selber erklärte, nur eine Million Franken aufgewendet – einen Bruchteil des Werts, den das Medienunternehmen mit 1100 Angestellten hat.

Somm sagte am Montag vor den Angestellten den bemerkenswerten Satz, dass er noch nie auf einer Redaktion gearbeitet habe, wo die Stimmung gut gewesen sei. «Wenn es so ist – dann muss das an Somm liegen», meint dazu ein Redaktor der «Basler Zeitung».

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An Publikum und Futterlieferanten

Inspiriert von der  Meldung über die aktuellsten LeserInnenzahlen der grössten Zeitungen und Zeitschriften der Schweiz fühlte ich mich mal wieder an den ollen Tucholsky erinnert. Was er 1931 über Kunst und Gesellschaft schrieb, trifft auch heute noch den Nagel auf den Kopf. Bei der Durchsicht der verschiedenen Meldungen ist interessant, dass die grösstenteils deprimierende Nachricht je nach Leseart als möglicherweise stabile “Talsohle”  oder als Indiz für einen fortgeführten LeserInnenschwund interpretiert werden.

Die NZZ liefert dazu die erschreckenden Zahlen (sie hat auch am wenigsten verloren, also Grund zur Freude. Vielleicht ein Hinweis oder ein Bespiel für ihre “Konkurrenz”?):

Insbesondere grosse Titel verloren viele Nutzer, etwa der «Blick» (–12%), der «Tages-Anzeiger» (–15%), der «Beobachter» (–14%), die «Schweizer Illustrierte» (–12%) und der «Sonntags-Blick» (–9%). Negativer Spitzenreiter ist die «Basler Zeitung» (–24%). Moderat war der Rückgang bei der NZZ (–3%), der «Neuen Luzerner Zeitung» (–4%) und der «Südostschweiz» (–5%). Das «St. Galler Tagblatt» (–16%) verlor laut Angaben des Verlags Leser, weil die verlegerischen Vorstösse in den Mittelthurgau, also ins Gebiet der «Thurgauer Zeitung» eingestellt wurden. Der Zuwachs der «Mittelland-Zeitung» (+10%) ist mit der Eingemeindung der «Basellandschaftlichen Zeitung» erklärbar. Noch wäre es zu früh zu behaupten, die im Vergleich zum Vorjahr geringen Leserverluste würden auf eine generelle Stabilisierung bei der Nutzung traditioneller Pressetitel hindeuten.

Beim Schweizer Fernsehen gibt man sich relativ unbetroffen. Schliesslich geht es hier um ein anderes Medium.

Der Medienexperte Ueli Custer liess offen, ob es sich tatsächlich um eine Trendwende handelt. Zumindest vorläufig dürften die Bezahlzeitungen die Talsohle und die Gratiszeitungen den Zenit erreicht haben, sagte er.

Wer keine Bezahlzeitung mehr wolle, dürfte jetzt weg sein. Custer gab jedoch zu bedenken, dass vor allem ältere Menschen der Bezahlzeitung die Treue halten. «Wenn diese Personen wegsterben, setzt sich die Erosion der Reichweite fort. Jüngere informieren sich nämlich vorwiegend über Gratiszeitungen und Internet.»

Beim “negativen Spitzenreiter” (laut NZZ), der Basler Zeitung, ist dieselbe Agenturmeldung wie beim SF zu lesen, man gibt sich also verhalten hoffnungsvoll und spart sich eine eigene Meinung, auch wenn die BaZ über die letzten 5 Jahre 24% ihrer Leserschaft eingebüsst hat. – Galgenhumor, unverwüstlicher Optimismus oder Symptom ihres Schicksals?

Als bescheidene Anregung von meiner Seite vielleicht der Hinweis, dass eine Bezahlzeitung den Konkurrenzkampf mit den Gratisblättern nicht dadurch gewinnen kann, dass sie deren Inhalte und Erscheinungsbild kopiert. Das liegt in der Natur der Sache. Klatsch kommt im Internet immer billiger und farbiger und lustiger daher, und für gedrucktes Internet gibt niemand Geld aus. Stattdessen sollte bei der Lektüre der Zeitung klar werden, wofür man den Kaufpreis investiert hat – weil man richtige Artikel und Reportagen im Gegensatz zu Agenturmeldungen nicht selber in 3 Minuten zusammenschnurpfen kann. Tiefgang und eine langfristige Perspektive auf die Entwicklungen, also die Elemente, die bei den Kurzfutter-Händlern und “News”-Meldern fehlen, sollen im Printmedium auf die vordere Sitzbank gerückt werden. Nur wenn der Artikel umfassend und komplex und trotzdem lesbar genug ist, dass man ihn nicht auf dem Bildschirm lesen will, verstehen LeserInnen, warum das Zeug auf Papier gekauft werden soll. Hört sich bei der fortschreitenden Boulevardisierung widersprüchlich an, doch die Einstellung von “News” wie auch “.ch” in manchen Regionen zeigt, dass die Leute auch nicht alles abholen, was bunt und billig ist. Letzten Endes geht es um die Würde der JournalistInnen, aber auch um die Aufgabe, die die Medien als vierte Instanz im Staat eigentlich wahrnehmen sollten.

Nun aber wie versprochen Tucholskys “An das Publikum” (1931) :

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: Bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: “Das Publikum will es so!”
Jeder Filmfritze sagt: “Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!”
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
“Gute Bücher gehn eben nicht!”
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte…
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?

Ja dann…
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmässigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Griesbrei-Fresser-?
Ja, dann…
Ja, dann verdienst dus nicht besser.

Wir erinnern uns, dass zwei Jahre nach diesem Gedicht (1933) sich die NSDAP in die Politik hauen und putschen konnte, ohne dass ein hörbarer Aufschrei durch die Lande gegangen wäre. Tucholskys Bücher wurden prompt verboten, und er musste ins Exil fliehen. Wer nicht lesen will, muss offenbar fühlen, wie weit die Ignoranz uns noch bringen kann. Wissen und Lesen ist nicht spiessig, sondern Grundvoraussetzung für eine Gesellschaft, die sich als solche versteht und verstehen kann, was in ihr passiert. Wahrscheinlich ist die Kehrseite der grenzenlosen Spassgesellschaft eben genau von der Art des dunklen Kapitels, aus dem Europa immer noch nicht ganz herausgekrochen ist, bzw. von der sie langfristig doch nichts gelernt hat.

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