Tag Archives: AIDS

Ist Ihr Blut schwul? Teil II

Nachdem hier vor einigen Wochen berichtet wurde, wie in Deutschland Blutspenden von Männern gehandhabt werden, die dem homosexuellen Geschlechtsverkehr frönen, war’s mal an der Zeit vor der eigenen Haustüre nachzusehen, wie es denn hierzulande darum steht. Gerade hier am Rheinknie zeigt man ja gerne mit halbem Kopfschütteln und halbem Amüsement auf unsere Nachbarn, doch haben wir hier das bessere Rezept? Geneigte LeserInnen können die Antwort schon ahnen…

Schreibkrampf schickt eine Anfrage an das Blutspendezentrum Basel:

Sehr geehrte Frau [Pressesprecherin],

Nach einem Bericht der deutschen Tagesschau, die darauf hingewiesen hat, dass die Bundesärztekammer es kategorisch ablehnt, von Schwulen in Deutschland Blut zu akzeptieren, habe ich festgestellt, dass auch im Fragebogen des Blutspendezentrums Basel die entsprechende Frage auftaucht. (Hier der Link zur Geschichte der Tagesschau.)

Und offenbar besteht auch in der Schweiz dieselbe Praxis: Im Merkblatt zum Blutspenden steht, dass “Sexuelle Kontakte (geschützt oder ungeschützt) unter Männern seit 1977 einen definitiven Ausschlussgrund” darstellen.

Deshalb möchte ich gerne wissen, wie die Blutspendezentren schwule, sexuell aktive Männer als besondere Risikogruppe ausmachen, die undifferenziert ausgeschlossen wird. Gemäss der Statistik der Aids-Hilfe beider Basel des letzten Jahres sind die Anteile der Ansteckungen mit HIV bemerkenswert ausgeglichen zwischen Hetero- und Homosexuellen. 48% heterosexuelle gegenüber 47% homosexuellen Kontakten. (Siehe hier.) Könnte man mit diesen Zahlen nicht genausogut alle Heteros als besondere Risikogruppe ausmachen? Schliesslich ist die Prozentzahl sogar leicht höher.
Plump gesagt: Warum ist der in langjähriger treuer Beziehung lebende Hetero eine kleinere Gefahr wie der in langjähriger treuer Beziehung lebende Homo?

Zudem: Welche Mittel stehen den Blutspendezentren zur Verfügung, um Blut auf HIV zu testen? Ist es nicht möglich, mit denselben Mitteln infiziertes Blut von Heteros wie auch von Schwulen auf Krankheiten zu analysieren? Offenbar gibt es auch bei Heteros ein beträchtliches Risiko, das doch bestimmt ausgeschlossen werden muss. Oder gilt hier das Prinzip Vertrauen?

Kurzum: Welche Überlegungen stecken hinter dem Kriterium der schwulen Sexualkontakte und weshalb lässt sich die potenzielle Infektionsgefahr nicht bei allen Spenden im gleichen Masse abklären, so dass man nur existierende Risiken ausschliesst?

Wären Sie damit einverstanden, wenn ich Ihre Antwort ganz oder auszugsweise im Internet publiziere, da das Thema offenbar auf reges Interesse stösst und mögliche Missverständnisse (allgemeine oder nur auf meiner Seite existierende) dadurch aufgelöst werden könnten.

Herzlichen Dank für Ihre Auskunft und freundliche Grüsse,

[andbehold für Schreibkrampf]

Nach einigen Wochen erhielt ich prompt Antwort von niemand geringerem als dem Direktor des Blutspendedienstes des Roten Kreuzes (Bern).

Was die Antwort auszeichnet, ist erstens mal, dass man meine Anfrage von höchster Stelle behandeln lässt, was für einen seriösen Umgang mit der Problematik spricht. Ausserdem ist man sich durchaus bewusst, dass hier Menschen zum grossen Teil zu Unrecht vom Blutspenden abgehalten werden und kommuniziert dies (wenn schon nicht auf der Website, so doch wenigstens hier) mit einem gewissen Schulterzucken. Einige meiner Fragen bleiben zwar unbeantwortet, aber das wollen wir mal durchgehen lassen…

Mein einziger wirklicher Einwand ist, immernoch, dass man das reale Risiko von 10% HIV-Infektionen unter Schwulen dadurch zu verhindern sucht, indem man Schwule generell ausgrenzt. Man würde doch vermuten, dass trotz der statistischen Häufung nicht das Schwulsein an und für sich der Grund für die Infektion ist, sondern generell das sexuelle Verhalten, also z.B. ungeschützter Sex (oder nachlässiger Umgang mit Injektionen). Man würde doch erwarten können, dass auch die 0.3% Infizierten unter den Heterosexuellen dies zum grossen Teil gemein haben. Also greift der Ausschluss von Schwulen am eigentlichen Problem vorbei und wirkt eher als hilfloser Versuch, das Ansteckungsrisiko zu begrenzen. Die effektiven Risiken aus dem Verhalten der BlutspenderInnen werden in den anderen Fragen bereits erhoben und würden doch völlig reichen. (siehe Fragebogen und Merkblatt)

Doch lest die Antwort selber…

Continue reading

2 Comments

Filed under but seriously..., [andbehold]

Ist Ihr Blut schwul? (ja/nein)

Man erinnert sich mit peinsamem Ächzen an die Tage, wo AIDS als Krankheitsbild noch neu war, und vorerst mal als Schwulenseuche abgetan wurde. Will heissen, es gibt nichts zu sehen, bitte weitergehn. Sind ja bloss ein paar Schwule, nich wahr? Ronald Reagan (u.v.a.) lässt grüssen.

Scheinbar ist die Deutsche Bundesärztekammer nie über die frühen 80er hinaus gekommen…

Ist Ihr Blut schwul?

Pikant ist die Aussage, man könne das gespendete Blut nicht zweifelsfrei auf HIV-Viren testen. Wenn sich einE SpenderIn innerhalb von zwei Wochen vor dem Spenden infiziert hätte, sei der Virus im Test nicht nachzuweisen. Soweit so richtig, doch was ist die Konsequenz daraus? Was macht man dann mit Blutspenden von Heten? Finger kreuzen, Daumen drücken und rein damit?

Angesichts dem Umstand, dass sich schon seit langem nahezu gleich viele Menschen bei Hetero-Kontakten  mit dem Virus anstecken wie bei gleichgeschlechtlichen, wirkt die “Vorsichtsmassnahme”, sprich der Ausschluss ganzer Bevölkerungsteile, seltsam undifferenziert.

Im Dezember 2009 meldete die NZZ über die Aids-Hilfe Schweiz:

In der Schweiz waren es im vergangenen Jahr 778 neue Aids-Fälle, wie Aids-Hilfe Schweiz auf ihrer Website mitteilt. Drei Viertel davon sind Männer. 45 Prozent infizierten sich mit heterosexuellen Kontakten, 43 Prozent mit homosexuellem Geschlechtsverkehr.

45 zu 43 Prozent also. – Puh, das war ja knapp.

Aber  Mooment! Welche Zahl war gleich grösser?…

Wenn man in der Schweiz die Logik der Deutschen Ärztekammer übernähme, müsste das heissen, Heteros dürfen überhaupt nicht mehr spenden und Schwule sollen doch bitte Leben retten kommen. Dieses Männlein-Weiblein-Dings ist ja sowas von unhygienisch… Schauder.

Oder, wenn schon, denn konsequent: Überhaupt niemand darf mehr Blut spenden. Hah!

Aktuell scheint die Ärztekammer eine HIV-Infektion durch einen Swingerclub-Stammgast gern in Kauf zu nehmen, solange er bloss nicht schwul ist. Ach Gottchen. Ein Glück gibt’s die Wissenschaft.

Mehr bei schwulesblut.de

Leave a comment

Filed under but seriously..., ignance in power, [andbehold]