Thatcher hat’s ja gesagt…

Kommentar zu Brendan O’Neill’s “Nihilismus und Entfremdung” über die jüngsten Ausschreitungen in Grossbritannien im Schweizer Monat (Übersetzung seines Beitrags auf Spiked.)

Kleiner Auszug:

Der politische Kontext dieser nun seit Tagen andauernden Unruhen besteht ebensowenig aus den Einschnitten ins Sozialsystem wie aus einem besonders rassistisch gearteten Polizeiapparat – stattdessen war es der moderne Wohlfahrtsstaat, der eine Generation herangezüchtet hat, die absolut keinen Gemeinsinn und erst recht keinen Sinn für Solidarität mehr hat: bei dem, was wir auf den Strassen von London und nun auch anderswo sehen, handelt es sich um vom Wohlfahrtsstaat alimentierte Mobs. […]

Kindische Destruktivität greift als Erklärung der Motivation der Aufständischen aber immer noch zu kurz. Auf einer grundsätzlicheren Ebene sind diese Jugendlichen, die zu einem ganz überwiegenden Teil von ihren Gemeinden alimentiert wurden, Entfremdete des Wohlfahrtsstaats. Finanziell, physisch und pädagogisch sind sie mehr von den Akteuren des Sozialstaates als durch ihre eigenen Familien oder Nachbarn beeinflusst worden. Zu den staatlichen Sozialvertretern haben sie eine tiefere moralische oder emotionale Bindung, als zu denjenigen, bei und unter denen sie tatsächlich aufgewachsen sind.

Eines gleich vorneweg: Der hier behauptete Zusammenhang zwischen Wohlfahrtsstaat und angeblich sozialer Entfremdung der Jungen ist an den Haaren herbei gezogen und wird auch beim Durchlesen des ganzen Artikels nicht plausibler. Die Kausalität ist mit keinem einzigen Satz schlüssig dargelegt. Stattdessen versucht der Autor der Arbeiterklasse die Schuld als quasi internes Problem anzulasten. Als ob nur sie selber sich untereinander solidarisieren müsse, weil das besser sei, als die schreckliche staatliche Beihilfe, die die vermeintlich heile Welt der Armen korrumpiere, weil sie z.B. vergünstigte Wohnungen oder Arbeitslosengeld erhält (was übrigens Rechte sind, nicht Privilegien.) Die dafür fehlende Solidarisierung der Entscheidungsträger mit den wirtschaftlich schlechter gestellten scheint für O’Neill keiner Diskussion zu bedürfen. Kurzum: selber schuld.

Zudem waren die letzten 30 Jahre (wir rechnen: 1981-2011) mitnichten vom Ausbau der sozialen Leistungen gezeichnet. Gerade die 80er-Jahre waren von der wirtschaftlichen Stagnation seit den 70ern geprägt und brachten eine gewisse Margaret Thatcher in den Sessel der Premierministerin. Eines ihrer berühmten Zitate lautet übrigens, es gäbe keine Gesellschaft, nur Individuen. Das von einer Vorsteherin des britischen Staats zu hören, zumal der Staat ja nichts anderes ist als der Ausdruck einer Gesellschaft, die sich als solche – und eben nicht als Einzelkämpfer – organisiert, ist ein ganz schön deftiges Statement. Gleichsam als Echo darauf nehmen sich nun die Ausschreitungen in den britischen Städten aus: die Chaoten handeln nicht als denkende Gruppe, die sich z.B. in politischen Demonstrationen gegen die Missstände auflehnt und ihre Mitspracherechte einfordert, sondern als blinde Ellenbogenkämpfer, die die Gunst der Stunde nutzen, um sich kurz was in die Tasche zu stecken, auch wenn man’s dafür jemand anderem erst aus der Tasche ziehen muss. Jede Wette Margaret Thatcher dreht sich vom Fernseher zu ihrem livrierten Diener um und piepst neben einem Bissen Gurken-Schwan-Sandwich hervor “That’s what I’ve been saying all along, haven’t I?”

Wie gerade mit dem Finanzcrash, dem Polit-Medienklüngel und so Katastrophen wie bei BP im Golf von Mexiko schmerzlich offensichtlich wurde, ist die Weisskragen-Gesellschaft in Westminster und der City moralisch in keinster Weise dem “Lumpenproletariat”, wie O’Neill es nennt, überlegen. White collar crime ist für gewöhnlich nur etwas weniger verboten als die Vergehen, die typischerweise bei den politisch schlechter Vertretenen zu finden sind. Und das ist auch kein Wunder. Politik geht Hand in Hand mit wirtschaftlichen Interessen und entfernt sich vom Aushandeln eines gesellschaftlichen Entwurfs, der alle einbezieht, hin zum nackten Lobbyismus für den eigenen Profit.

A propos es werfe den ersten Stein… die Leute in den Teppichetagen brauchen keine Steine zu werfen. Sie haben Budgetkürzungen, die sie mit zerknirschter Miene verkünden können, weil ja “alle mithelfen müssen, aus der Krise zu finden.” Das sind immer die Momente, wo die Gesellschaft wieder ganz fest zusammenstehen muss. Vor allem die Arbeitslosen, in der Schlange vor einem der wenigen Job Centres, die noch offen geblieben sind. Jede Wette, Cameron drückt nach so Ansprachen ganz kurz auch noch ein kleines, ehrliches Tränchen aus den Augenwinkeln, während sein Chauffeur ihn im Maybach auf den Landsitz fährt, wo er sich erstmal vom Schrecken erholen muss.

Die Entfremdung in der Gesellschaft stammt nicht aus der Arbeiterklasse. Der soziale Vertrag wurde nicht durch die Ausschreitungen von unten sondern durch das Lossagen der Wirtschafts- und Politikkapitäne vom Rest der Gesellschaft, von oben aufgekündigt. Ausgerechnet von denjenigen, die auf den Staat nicht angewiesen sind – ausser es gibt Steuererleichterungen, oder der Staat muss mal eben die Bank kaufen, damit sie nicht untergeht.

Natürlich entscheidet sich jeder einzelne, ob er plündern, stehlen und zerstören will, oder nicht. Und die Handlungen sind verwerflich und abscheulich, zumal sie sich gegen weitere Unschuldige richtet, gegen hart arbeitende LadenbesitzerInnen, die eigenen Nachbarn, Familien mit Kindern. Aber die Erfahrung zahlreicher Jugendlicher ist, entgegen dem, was der Autor im Artikel behauptet, dass der Staat, der die Gesellschaft, und damit ihre Interessen, verkörpern soll, sich aber als separate Einheit gebärdet, ihnen nichts mehr bieten kann, oder will. Das Zusammengehörigkeitsgefühl geht flöten, wenn man zusieht, wie Investmentbankern (wie Cameron selber einer ist) Geld zugeschanzt und Finanzcrashes verziehen werden, während nun das daraus resultierende Finanzloch auf die Bedürftigsten abgewälzt wird – die, die nicht einfach Konkurs anmelden und eine neue Firma aufmachen können, mit ihrem vollen Sparschwein voll Managerlöhnen und Boni.

O’Neill mag in seinen weiteren Artikeln bei Spiked noch lange abstreiten, dass der Neoliberalismus mit dem Zustand der jungen Generation etwas zu tun hat, aber die gänzliche Lossagung von Verantwortung gegenüber der Gesellschaft hat die wirtschaftlich-politische Elite zu Mittätern an der Entfremdung der Jungen gemacht. Diese Mitschuld zuzugeben ist der erste Schritt in Richtung richtig.

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Filed under Demokratie, econopocalyshit, ignance in power, [andbehold]

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