Auf die Kleinen…

Seit längerem wieder mal ein Interview gefunden, das mit erhellenden Einsichten zum Verhalten der Schweizer StimmbürgerInnen an der Urne aufwartet. So zum Unterschied zwischen Wut und Ressentiments, warum sich der Frust nicht gegen die Mächtigen, sondern gegen die Machtlosen richtet, und was die Fasnacht allenfalls zu bieten hätte, um Abhilfe zu schaffen.

Wenn es nur etwas mehr Leute rechtzeitig gelesen hätten. (Auszüge weiter unten.)

Gerade hinsichtlich des heutigen Stimmergebnisses, das zeigt, dass ausgerechnet die Leute von Genf, den ganzen Jurabogen hoch bis Basel (plus ZH) der Bedrohung einer Bodeninvasion von ennet der Grenze eher gelassen entgegensehen, während die Bewohner des Reduits in den fernen Alpentälern die Vorstellung, ohne ihre – ungeladene – Armeewaffe sein zu  müssen, eher beunruhigend finden. So zumindest versteh ich das Ergebnis der Initiative “Für den Schutz vor Waffengewalt,” wenn ich mal von rationellen Überlegungen ausgehe. Aber gerade darin könnte ich falsch liegen..

Mehr dazu im Interview:

Rachel Vogt interviewt Daniel Strassberg in der WOZ.

Auszüge gibt’s hier:

WOZ: Plötzlich sprechen alle vom sogenannten Wutbürger. Sind wir getrieben von Wut?

Daniel Strassberg: Nein, von Ressentiments. Wut kann eine kreative Emotion sein, weil sie auf Veränderung zielt. Ressentiments wollen nichts verändern. Man will nur die vermeintlich Schuldigen für das eigene Unglück bestrafen.

Woher kommt das?

Ressentiments entstehen aus dem Gefühl, machtlos zu sein. Wenn ich jemandem eins auf die Nuss gebe, gewinne ich ein Gefühl von Macht, ohne wirklich etwas verändern zu müssen. Eine Art machtlose Macht.

Wer kriegt eins auf die Nuss?

Die Ressentiments von rechts richten sich gegen Menschen, die selbst keine Macht haben, etwa Ausländer – weil die nicht zurückschlagen können. Das Kind lässt seine Wut auch nicht am Vater aus, sondern am kleinen Geschwister. Die Steuerinitiative der SP dagegen scheiterte, weil die Leute glaubten: Wenn ich meine Ressentiments gegen Mächtige richte, bekomme ich die Strafe in Form höherer Steuern zu spüren. […]

Sie schrieben in Ihrem «Tages-Anzeiger»-Kommentar, dass die Alten sich heute bei Abstimmungen so verhalten wie die Jungen beim Massenbesäufnis: Sie lassen die Sau raus.

Es wird ein hemmungsloser, unvernünftiger Hau-den-Lukas praktiziert, um sich mal wieder mächtig zu fühlen. Früher geschahen solche Exzesse während der Fasnacht.

Hat die Fasnacht nicht gerade die Machtverhältnisse gestützt? Man darf sich zwar kurzzeitig daneben benehmen, aber den Rest des Jahres wird gekuscht.

Genau. Wenn heute die Schweiz die Minarettinitiative annimmt, ist das vergleichbar. Das Neue daran ist aber, dass der Exzess gegen Vernunft und Recht selbst in Form eines Gesetzes daherkommt.

Haben die Leute aus Angst vor dem Fremden so abgestimmt?

Das glaube ich eben nicht. Das politische Argumentieren ist bis weit in die Linke hinein richtiggehend therapeutisch geworden: Man wisse, dass die Leute Angst hätten, man nehme das ernst und kümmere sich darum. Das ist sehr paternalistisch.

Wenn nicht Angst, was war es dann?

Ich bin überzeugt, dass auch nicht Ausländerfeindlichkeit der Grund war. Ich habe ein Ferienhaus in einem Bündner Dorf. Dort wurde die Ausschaffungsinitiative deutlich angenommen. Gleichzeitig sind die Dorfbewohner hochanständig zu den Ausländern, die dort leben.

Wem also wollte man schaden?

Die Befürworter wollten nicht primär schaden, sondern nur zeigen, dass sie sich den scheinbar unverbrüchlichen Gesetzen des Men­schenrechts und der Vernunft nicht unter­werfen. Sie haben per Gesetz einen Bereich geschaffen, in dem das Gesetz nicht gilt, das gibt ein lustvolles Gefühl souveräner Macht. Deshalb wurde auch der Gegenvorschlag abgelehnt – man will eben gerade nicht die gesetzeskonforme Variante, sondern den Ausnahmezustand.

Und nun?

Das Gesetz darf nicht gesetzlos werden. Der wichtigste Schritt dazu wäre die Schaffung eines Verfassungsgerichts. Die gefährlichste und beunruhigendste Argumentation der SVP ist, dass das Volk immer recht hat. Das ist das Ende der Demokratie. Es gibt übergeordnetes Recht, das immer gelten muss.

Warum werden die Debatten mehr von rechts geprägt als von links?

Die Rechten haben ja alles von den Linken übernommen! Die ausserparlamentarische Opposition, die Diktatur des Proletariats oder eben des Volkes, die Hilflosigkeit des Subjekts gegenüber den herrschenden Verhältnissen, der revolutionäre Charakter der Souveränität: Das sind alles linke Konzepte.

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