Mediterrane Lebensfreude…

Im Moment untergräbt Spanien mit seinen Meldungen das sorgfältig erschaffene Klischee des Urlaubparadieses mit freudig-feuriger Lebensart unter der warmen Sonne (“everything under the sun”) gewaltig.

Schon vor Ausbruch der internationalen Krise 2008 war Spanien mit seinem eigenen Immobilienmarkt auf Grund gelaufen. Die blinde Bauwut hatte ein traumhaftes Wachstum dank Preissteigerungen gebracht, und als die Spanier dann merkten, dass bald jedeR auf mehr Wohnungen sass, als sie vermieten oder weiterverkaufen, geschweige denn allein abzahlen konnten, kam zu allem Überfluss noch der Wirtschaftsknick der internationalen Banken hinzu.

Ohne jetzt darauf pochen zu wollen, dass die folgenden Zahlen irgendwas damit zu tun hätten, scheint der Zufall doch frappant, wie die Krise sich auf die Lebens- und Sterbensweise der Menschen auswirken könnte…

Seit letztem Jahr gibt es im Land der kastilischen Könige eine neue Haupt-Todesursache in der Sparte “nicht-natürliches Ableben”. Bisher war das immer verlässlich der Verkehr, wenn die Todesfälle auch seit 2005 langsam zurück gingen, auch dank grosser Kampagnen für mehr Sicherheit. Zwischen 06 und 07 gingen die Verkehrstoten um 8% und dann, von 07 auf 08 geradezu drastisch um 20% zurück.

Doch das ist noch kein Grund zum Anprosten oder Aufatmen, im Gegenteil: Offenbar ist es manchen  SpanierInnen eher ums Atem Anhalten zumute, denn seit 2009 hat Selbstmord mit 3’421 Opfern die Spitze der häufigsten unnatürlichen Todesfälle übernommen. Dies auch deshalb, weil die Selbstmorde selber steigen, um 5% gegenüber 2008.

Die Gründe dafür sind bestimmt vielschichtig und schwer durchschaubar, doch scheint der folgende Abschnitt ein relativ deutliches Bild zu zeichnen:

Man darf vermuten, dass die Zahl der Selbstmorde 2009 angesichts der Verzweiflung vieler Menschen weiter gestiegen ist. Die Zahl derer, die keinerlei Unterstützungsleistungen mehr erhält, die sich also irgendwie mit Schwarzarbeit, Hilfsleistungen von Freunden oder Diebstahl über Wasser halten müssen, steigt und steigt. Schon im letzten Sommer wurde die Zahl auf eine Million geschätzt. Das neu eingeführte mickrige Sozialgeld von 420 Euro, das ohnehin nur sechs Monate an eine ausgewählte Gruppe gezahlt wird, hat bestenfalls die absolute Verzweiflung vieler Menschen verschoben. Dass auch bei der geringeren Zahl von Verkehrstoten kein Zusammenhang zur Krise hergestellt wird, ist ebenfalls erstaunlich. Dabei wird immer weniger Auto gefahren. Deshalb kommt es zu weniger Unfällen und deshalb näherte sich Spanien auch erstmals 2008 den Klimaschutzzielen an.

Die Arbeitslosigkeit in Spanien hat 2009 unfassbare 20% erreicht, wobei es regional und in den sozialen Brennpunkten der ehemaligen Industriestädte, und insbesondere nochmal unter den Jungen wohl noch einiges prekärer zu und hergeht.

Es geht hier weiter…

Als Stimmungsbarometer dient denn auch die Einstellung gegenüber der Einwanderung, die in Spanien dank der Nähe zum afrikanischen Kontinent ein täglich wiederkehrendes Thema in den Nachrichten ist. 2007, bei einer Arbeitslosigkeit von vergleichsweise harmlosen 8%, war über ein Drittel der befragten SpanierInnen negativ gegenüber der Einwanderung eingestellt, bis hin zu Forderungen, sogar eingebürgerte Ausländer bei Vergehen wieder auszuweisen. (Das Rezept scheint Schule zu machen.)

Jetzt, wo die Krise mit voller Wucht angekommen ist, ohne dass Vater Staat seinem Volk zu helfen weiss, dürfte sich der politische Frust schnell und vehement auf die schwächsten Glieder der Gesellschaft niederschlagen… Trotz Godwins Gesetz scheint angesichts des Börsenkrachs, der Depression und Arbeitslosigkeit bei gleichzeitig leicht zu identifizierender Minderheit, die dafür den Kopf hinhalten sollte, ein Vergleich mit der Zwischenkriegszeit Deutschlands und dem Aufkommen faschistischen Gedankenguts fast unvermeidbar zu sein. (Spanien hat zwar mit Franco ähnliches durchgemacht, doch beruhte der Grundkonflikt, so weit ich weiss, hauptsächlich auf Grossgrundbesitz/Kirche vs. diverse sozialistische Strömungen, ohne in eine physische Massenverfolgung der Juden auszuarten.)

Als interessanter Abschluss zum berühmten mediterranen Lebenswandel aus der Einleitung hier noch die Zahlen der “natürlichen” Todesursachen, aus dem Bericht des statistischen Amtes über das Jahr 2008:

1. Kardiovaskuläre Krankheiten (31.7 %)

2. Tumore (26.9%)

3. Atemwegerkrankungen (11.4%)

Herzleiden, Krebs und Lungenprobleme.

Irgendwie seltsam tragisch, wie Kardiologen auf der ganzen Welt von der leichten mediterranen Diät schwärmen, und dann das. Ein Grossteil der SpanierInnen können sich den neufundländischen/senegalesischen Fisch, den ihre Flotten aus den Meeren holen, offenbar schlichtweg nicht mehr leisten…

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Filed under econopocalyshit, Law and Ordure, Schöner Wohnen, [andbehold]

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