An Publikum und Futterlieferanten

Inspiriert von der  Meldung über die aktuellsten LeserInnenzahlen der grössten Zeitungen und Zeitschriften der Schweiz fühlte ich mich mal wieder an den ollen Tucholsky erinnert. Was er 1931 über Kunst und Gesellschaft schrieb, trifft auch heute noch den Nagel auf den Kopf. Bei der Durchsicht der verschiedenen Meldungen ist interessant, dass die grösstenteils deprimierende Nachricht je nach Leseart als möglicherweise stabile “Talsohle”  oder als Indiz für einen fortgeführten LeserInnenschwund interpretiert werden.

Die NZZ liefert dazu die erschreckenden Zahlen (sie hat auch am wenigsten verloren, also Grund zur Freude. Vielleicht ein Hinweis oder ein Bespiel für ihre “Konkurrenz”?):

Insbesondere grosse Titel verloren viele Nutzer, etwa der «Blick» (–12%), der «Tages-Anzeiger» (–15%), der «Beobachter» (–14%), die «Schweizer Illustrierte» (–12%) und der «Sonntags-Blick» (–9%). Negativer Spitzenreiter ist die «Basler Zeitung» (–24%). Moderat war der Rückgang bei der NZZ (–3%), der «Neuen Luzerner Zeitung» (–4%) und der «Südostschweiz» (–5%). Das «St. Galler Tagblatt» (–16%) verlor laut Angaben des Verlags Leser, weil die verlegerischen Vorstösse in den Mittelthurgau, also ins Gebiet der «Thurgauer Zeitung» eingestellt wurden. Der Zuwachs der «Mittelland-Zeitung» (+10%) ist mit der Eingemeindung der «Basellandschaftlichen Zeitung» erklärbar. Noch wäre es zu früh zu behaupten, die im Vergleich zum Vorjahr geringen Leserverluste würden auf eine generelle Stabilisierung bei der Nutzung traditioneller Pressetitel hindeuten.

Beim Schweizer Fernsehen gibt man sich relativ unbetroffen. Schliesslich geht es hier um ein anderes Medium.

Der Medienexperte Ueli Custer liess offen, ob es sich tatsächlich um eine Trendwende handelt. Zumindest vorläufig dürften die Bezahlzeitungen die Talsohle und die Gratiszeitungen den Zenit erreicht haben, sagte er.

Wer keine Bezahlzeitung mehr wolle, dürfte jetzt weg sein. Custer gab jedoch zu bedenken, dass vor allem ältere Menschen der Bezahlzeitung die Treue halten. «Wenn diese Personen wegsterben, setzt sich die Erosion der Reichweite fort. Jüngere informieren sich nämlich vorwiegend über Gratiszeitungen und Internet.»

Beim “negativen Spitzenreiter” (laut NZZ), der Basler Zeitung, ist dieselbe Agenturmeldung wie beim SF zu lesen, man gibt sich also verhalten hoffnungsvoll und spart sich eine eigene Meinung, auch wenn die BaZ über die letzten 5 Jahre 24% ihrer Leserschaft eingebüsst hat. – Galgenhumor, unverwüstlicher Optimismus oder Symptom ihres Schicksals?

Als bescheidene Anregung von meiner Seite vielleicht der Hinweis, dass eine Bezahlzeitung den Konkurrenzkampf mit den Gratisblättern nicht dadurch gewinnen kann, dass sie deren Inhalte und Erscheinungsbild kopiert. Das liegt in der Natur der Sache. Klatsch kommt im Internet immer billiger und farbiger und lustiger daher, und für gedrucktes Internet gibt niemand Geld aus. Stattdessen sollte bei der Lektüre der Zeitung klar werden, wofür man den Kaufpreis investiert hat – weil man richtige Artikel und Reportagen im Gegensatz zu Agenturmeldungen nicht selber in 3 Minuten zusammenschnurpfen kann. Tiefgang und eine langfristige Perspektive auf die Entwicklungen, also die Elemente, die bei den Kurzfutter-Händlern und “News”-Meldern fehlen, sollen im Printmedium auf die vordere Sitzbank gerückt werden. Nur wenn der Artikel umfassend und komplex und trotzdem lesbar genug ist, dass man ihn nicht auf dem Bildschirm lesen will, verstehen LeserInnen, warum das Zeug auf Papier gekauft werden soll. Hört sich bei der fortschreitenden Boulevardisierung widersprüchlich an, doch die Einstellung von “News” wie auch “.ch” in manchen Regionen zeigt, dass die Leute auch nicht alles abholen, was bunt und billig ist. Letzten Endes geht es um die Würde der JournalistInnen, aber auch um die Aufgabe, die die Medien als vierte Instanz im Staat eigentlich wahrnehmen sollten.

Nun aber wie versprochen Tucholskys “An das Publikum” (1931) :

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: Bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: “Das Publikum will es so!”
Jeder Filmfritze sagt: “Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!”
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
“Gute Bücher gehn eben nicht!”
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte…
Sag mal, verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?

Ja dann…
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmässigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Griesbrei-Fresser-?
Ja, dann…
Ja, dann verdienst dus nicht besser.

Wir erinnern uns, dass zwei Jahre nach diesem Gedicht (1933) sich die NSDAP in die Politik hauen und putschen konnte, ohne dass ein hörbarer Aufschrei durch die Lande gegangen wäre. Tucholskys Bücher wurden prompt verboten, und er musste ins Exil fliehen. Wer nicht lesen will, muss offenbar fühlen, wie weit die Ignoranz uns noch bringen kann. Wissen und Lesen ist nicht spiessig, sondern Grundvoraussetzung für eine Gesellschaft, die sich als solche versteht und verstehen kann, was in ihr passiert. Wahrscheinlich ist die Kehrseite der grenzenlosen Spassgesellschaft eben genau von der Art des dunklen Kapitels, aus dem Europa immer noch nicht ganz herausgekrochen ist, bzw. von der sie langfristig doch nichts gelernt hat.

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Filed under but seriously..., poetry, sing along, [andbehold]

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