Anybody seen that girl from Ipanema?

Spätestens seit Cidade de Deus (City of God) wissen wir, dass Rio de Janeiro neben den Traumstränden der Copacabana und Ipanema, dem Tummelplatz der Reichen und Schönen, auch noch ein paar hässliche Seiten hat. In dürftig errichteten Behausungen an den Berghängen lebt über eine Million der Bevölkerung inmitten von Gewalt und Verbrechen, ohne dass der Staat viel dagegen auszurichten hätte. Und wie der Zufall es will, hat die WOZ erst eben einen ausführlichen Bericht über die Favelas am Januarfluss gebracht, und darüber, wie etwas simples wie Fussball den Jüngsten für einen Moment wieder das gibt, was sie sonst nicht finden: Regeln, Respekt und Lebensfreude.

Rio de Janeiro ist eine geschundene Stadt. Infrastruktur und Lebensgefühl sind zerrieben von Korruption, Armut, Drogen und Gewalt; am Leben gehalten wird sie von Gleichmut und den Mythen der Vergangenheit. Zwischen der Postkartenidylle und dem Leben eines Gross­teils der Bevölkerung, zwischen den Erinnerungen an die goldene Zeit mit Bossa Nova, kolonialer Pracht und Zukunftshoffnung auf der einen und der Realität auf der anderen Seite klaffen immer grössere Lücken. Paramilitärisch organisierte Polizeitruppen führen Krieg gegen bis an die Zähne bewaffnete Jugendliche.

[…]

Für ein paar Stunden ist der abgeschabte Betonplatz ihre Welt aus schnellen Täuschungen, ungenauen Pässen, kindlichem Jubel, flüchtigem Heldentum. Taioba wirft seine zu rasch gewachsenen Beine nach vorn; der etwas übergewichtige Abner schiebt seinen Bauch die Aussenlinie entlang und kämpft kurz mit den Tränen. Wieder hat er nicht geschaut, der Pass ging ins Leere. Bugalú redet leise von der Unschuld, die sich hier austoben kann; Marcus bittet darum, die Bälle nicht ständig gegen die Wände zu schiessen – sie sind kostbar, und die meis­ten haben ihr Haltbarkeitsdatum bereits überschritten. Ronny droht jedem Fluchenden mit dem vorzeitigen Nachhauseweg – vermutlich das Schlimmste, was einem jetzt passieren kann.

[…]

In den sechziger und siebziger Jahren zogen Tausende aus dem Norden und Nordosten des Landes nach Rio – Brasilien wandelte sich vom Agrarland zu einem urbanisierten Staat (Anteil der Stadtbevölkerung im Jahre 1970: 45 Prozent; im Jahre 2000: über 81 Prozent). Mittlerweile leben in den Favelas von Rio nach offiziellen Angaben rund 1,1 Millionen Menschen. ExpertInnen zweifeln jedoch an dieser Zahl; der Zensus sei schlampig erhoben, ein Grossteil der ärmsten Bevölkerung nicht erfasst.

Artikel: Die Zebrafreunde und ihre grossen Brüder (woz.ch)

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Und wo wir schon City of God erwähnten, von der Fernsehserie City of Men (Cidade dos Homens), die nach dem immensen Erfolg des Films entwickelt wurde und ebenfalls mit grossem Echo vier Staffeln lang lief, kommt diese Tage wiederum der Kinofilm auf unsere silbernen Bildschirme. Auch wenn der Verdacht des Mehrfach-Melkens im Raum hängen bleibt, könnte der Film nochmal gut werden…

Hier 10 Minuten aus der ersten Folge der Serie…

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Und der Trailer zum neuen Film…

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3 Comments

Filed under Schöner Wohnen, [andbehold]

3 responses to “Anybody seen that girl from Ipanema?

  1. eardrummer

    Diesen Kommentar wollte ich schon zum letzten Post loswerden und trage ihn nun schon seit beinahe zwei Wochen mit mir herum. Aber hier passt er kontextuell besser rein.

    Wegen der angesprochenen Urbanisierung Brasiliens (und im vorherigen Post die stärkere Erwärmung in den urbanen Gebieten) kam mir ein Buch in den Sinn, das mir vor etwa einem halben Jahr in den Schoss gefallen ist: Mike Davis, Planet of Slums — ein wirtschaftswissenschaftliches, soziologisches, anthropologisches Werk über die sogenannten Megacities der “Dritte-Welt-Länder”. Ich hab nur etwa die ersten 20-30 Seiten gelesen, aber das war auch schon ausreichend. Jedenfalls in diesem Moment.

    Das Faktum, das mir am meisten zu Denken gab, war, dass vor ein paar Jahren (ich weiss nicht mehr genau wann) die urbane Bevölkerung die ländliche in einem weltweiten Maßstab zahlenmässig überhohlt hat. Im Klartext heisst das, dass weltweit mehr Menschen in (Gross)Städten leben, als auf dem Land. Und das nach offiziellen Zahlen. Davis befürchtet, dass das Verhältnis schon Jahre zuvor gekippt ist, schlicht und einfach weil die Volkszählungen in den von der Urbanisierung am stärksten betroffenen Ländern miserabel und furchtbar ungenau sind. Wie soll man auch in einer Stadt mit 20 Millionen Einwohnern mit dem Zählen nachkommen?

    In Brasilien ist dieses Verhältnis mit über 80% Urbanisierung noch stärker, wie Du schon erwähnt hast.

    Aber die in jeglicher Hinsicht weltweit grösste Stadt ist natürlich in China zu finden: Chongqing mit 32 Millionen Einwohnern (!!!!!!), laut Zensus von 2007, und einer Fläche von ca. 82.500 km². Das entspricht etwa der Fläche von Österreich. Wenn man mal kurz im Wikipediaartikel nachschaut, merkt man allerdings, dass für diese “Statistik” beide Augen zugedrückt wurden.

    Was ich sagen wollte, wenn wir so weitermachen, dann leben wir bald alle so, wie die Leute in den Slums in Kairo und müssen Stockwerk um Stockwerk auf die eigentlich schon fertigen Häuser schichten…


    So viel zum Thema “Schöner wohnen (in der Stadt)”.

  2. andbehold

    Zufall, lass nach! Ich musste nochmal im Altpapier kramen, um ganz sicher zu sein: In dem Artikel, den ich zitiert hab, ist ebenfalls ein Verweis auf das Buch angebracht. Dieselbe Ausgabe der Woz hat das Buch sogar besprochen. Wusst ich’s doch. Ich hatte eben ein Déjà-Vu, als du davon erzählt hast…
    http://www.woz.ch/artikel/2008/nr07/wissen/15946.html

    Jedenfalls hab ich mir noch gedacht, das Buch gehört auf die Leseliste.

  3. eardrummer

    Das Ding ist im Original in der UB zu haben. Die Signatur kann ich dir um diese Uhrzeit nicht liefern, weil die aleph-Server grad auf “maintenance” geschaltet sind.

    Aber als Lesevergnügen ist Planet of Slums nicht zu gebrauchen. Das hatte ich auch erst erwartet. Aber auf Seite 30 findet man schon die Fussnote #50 und so geht das immer weiter. Der Mann haut einem die UN-Statistiken nur so um die Ohren, von pie charts und Balkendiagrammen ganz zu schweigen. Es ist halt ein richtiges wissenschaftliches Buch, das man nicht unter “popular non-fiction” verbuchen kann. Die Zielgruppe ist irgendwo zwischen UN-Hilfsarbeiter und Soziologieprofessor in ledernem Ohrensessel angesiedelt. Also Leute, die davon auch wirkich auf irgendeine Weise Gebrauch machen können.

    Hier sind übrigens die ersten paar Kapitel zu finden, allerdings ohne Illustrationen…
    http://www.csub.edu/%7Emault/davis.htm

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